Mosel-Saar-Ruwer – Rad-Editon

Die eine oder der andere mag sich vielleicht noch dran erinnern: Früher[tm], aus meiner damals jugendichen Sicht vor allem in den 90ern, gab es sehr günstige, aber nicht unbedingt gute Weine mit dem Herkunftsnachweis „Mosel-Saar-Ruwer“, die wir uns Heranwachsende großzügig hinter die Binde gossen – Wirkung vor Wohlsein. Doch auch damals stellte sich schon die Frage: Die Flüsse Saar und Mosel kennt man, aber was zur Hölle ist der-die-das Ruwer? Nun, das herauszufinden, war NICHT das erklärte Ziel dieser Radtour, dennoch wurde dieses Geheimnis gelüftet. Doch der Reihe nach…

Saarwein in Saarburg

Die Herkunftsbezeichnung Mosel-Saar-Ruwer gibt es so übrigens nicht mehr, die Weine laufen jetzt alle unter dem Rubrum „Mosel“, egal wo die Reben wachsen, und inzwischen gibt es da einige echt sehr gute und dennoch erschwingliche Tropfen. Der im Glas oben zu sehende Riesling vom Weingut Adam aus Saarburg ist z.B. sehr empfehlenswert.

Alles dreht sich – ganz ohne Wein. Die berühmte Wendeltreppe im St. Johanner Rathaus in Saarbrücken

Dabei beginnt meine Tour in Saarbrücken. Ich habe einige Tage frei und beschließe, das auf dem NOAF bereits erprobte neue Trekkingzelt mal unter Tourenbedingungen zu testen. Mit dem Regionalexpress fahre ich bis nach Saarbrooklyn und bin am Bahnhof dort positiv überrascht: Der ehemals triste Bahnhofsvorplatz – einst mehr Parkplatz als Aufenthaltsraum – ist inzwischen halbwegs hübsch geworden.

NOCH ein Treppenhaus im St.Johanner Rathaus?

Zunächst geht es nach St. Johann, wo ich mir das Ende des 19. Jahrhunderts erbaute neogotische Rathaus anschaue und seine zahlreichen Treppen.

Heimatbier

Danach lockt mich eine der unzähligen Kneipen rund um den St. Johanner Markt mit dem schönen Namen „Schnokeloch“ und der Aussicht auf echt saarländische Küche. Leider hat diese -also die Küche- noch geschlossen, also wird sich erstmal mit einem echt saarländischen Bier begnügt und zum Essen geht es zwei Straßen weiter ins Gasthaus Zahm, wo es nicht bloß allerlei Spezialitäten aus meiner alten Heimat wie Dibbelabbes, Hoorische und Gefillde gibt, sondern tatsächlich auch noch Bruch-Bier aus Saarbrücken!

Gefillde Kleeß – „Gefüllte Klöße“ – sind Kartoffelklöße gefült mit Hackfleisch oder Leberwurst, dazu kommen Zwiebeln, Lauch, „Fillsel“ (neudeutsch Croutons) und dazu eine sämige Specksoße sowie Sauerkraut

Man gönnt sich ein solches und die oben gezeigte Leckerei, auch wenn die „bei uus dehääm“ ein wenig anders zubereitet wurden. Nach dem Essen komme ich mit zwei US-Amis ins Gespräch – ehemalige Kampfpiloten, die jetzt zivile Flüge für die Air Force machen und nichtmilitärisches Personal von und nach Ramstein fliegen. Interessant: Rob aus Georgia ist Republikaner und Mike aus Kalifornien Demokrat, dennoch hassen beide Trump. Im weiteren Gespräch kommt dann heraus, dass man über alle Lager hinweg doch mehr gemeinsam hat als einen trennt, außerdem kriege ich lustige Anekdoten aus der aktiven Zeit der beiden zu hören, unter anderem über die Vergabe von Rufnamen. Spoiler: Filme wie Top Gun sind insofern (un)realistisch, dass zwar tatsächlich jedes Piloty seinen eigenen Rufnamen kriegt. Coole Namen wie Maverick würde ein Neuling wie der von Tom Cruise gespielte Pete Mitchell aber niemals kriegen. Außerdem erinnere ich mich an eine Geschichte über die Teebeutel, die ich hier aber nicht wiedergeben möchte. Man spreche mich gerne darauf an!


Industriekultur am Saarradweg

Doch so lustig es mit den Beiden ist, irgendwann muss ich mal weiter. Als Etappenziel für heute habe ich Saarlouis ausgewählt, auf dem dortigen Campingplatz legt man mir netterweise einen Schlüssel für die Sanitärhäuschen in ein Versteck, da die Rezeption nämlich längst geschlossen haben wird, bis ich dort ankomme. Der Radweg direkt an der Saar entlang ist ganz schön und sehr gut ausgebaut, allerdings ist der Fluss auch auf beiden Seiten von Industrie und Industriekultur geprägt. Die Völklinger Hütte lasse ich links liegen, will ich mir aber bei anderer Gelegenheit nochmal anschauen.

Der Mindflayer aus der Netflix-Serie „Stranger Things“ wohnt anscheinend im Saarland

Zwar komme ich erst nach Sonnenuntergang an, das Zelt lässt sich jedoch auch im Dunkeln recht einfach aufbauen, wie sich herausstellt.

Schöner Parken in Saarlouis am Marktplatz mit Ludwigskirche, davor der Marienbrunnen

Nächstentags geht’s dafür umso früher los, erstmal in die Stadt. Die Reste der Vauban-Festung aus dem 17. Jahrhundert sind recht beeindruckend, weniger beeindruckend ist der zentrale Marktplatz: Statt daraus einen Platz für Menschen zu machen, ist das einfach ein gigantischer Parkplatz. Sehr schade. Die Ludwigskirche an ebendiesem Platz ist von außen nur ein zwar recht hübscher, aber recht unspektakulärer neogotischer Kirchenbau. Aber Junge, drinnen haut’s einen um!

Brutalster Brutalismus kontrastiert mit barocker Ausstattung in der Ludwigkirche
Orgelprospekt mit umlaufender Empore aus Sichtbeton

Hinter der relativ „gewöhnlichen“, wenn auch durchaus hübschen, neogotischen Fassade findet sich seit den 1960ern nämlich ein von Gottfried Böhm entworfenes Kirchenschiff im Stile des Brutalismus. Durch geschickte perspektivische Tricks und den völligen Verzicht auf symmetrische Achsen wirkt der Bau viel größer und verwinkelter, als er in Wirlichkeit ist. Umwerfend! Man könnte noch mehr über die durchaus interessante Baugeschichte dieser Kirche und der Stadt Saarlouis schreiben, aber Wikipedia weiß mehr.

Erstes Haus am Platze

Nachdem ich mir Kaufhaus Pieper (einer der Hauptarbeitgeber der Stadt) noch schnell ein Handtuch gekauft habe, da ich meins natürlich zuhause vergessen habe, verlasse ich „Sarre-Louis“ aber und will erstmal ein paar Kilometer machen. Angepeiltes Etappenziel ist Trier – ich bin gespannt, wie weit ich komme.

St. Peter in Merzig vom Pfarrgarten aus gesehen

Wie sich herausstellt – erstmal bis Merzig. Dort packt mich nämlich langsam der Hunger. ich folge mal den zahlreichen touristischen Hinweisschildern nach „St. Peter“, denn ich denke mir, so eine Kirche steht bestimmt im Stadtzentrum. Was nicht ganz stimmt, aber sich trotzdem lohnt. Denn nicht nur ist St. Peter eine wunderschöne Kirche (und der einzige erhaltene romanische Sakralbau des Saarlandes, wie ene Infotafel aufklärt), sondern ich kriege auch ein exklusives Orgelkonzert nur für mich!

St. Peter von innen gesehen

Während ich mir die Kirche von innen anschaue und Photos mache, fuhrwerkt oben auf der Empore nämlich jemand an der Orgel rum. Als der Mensch dann ein kurzes Stück probespielt, applaudiere ich, was mit Verwunderung angenommen wird. Zum Dank werde ich aber auf die Empore eingeladen und darf Peter (wie auch sonst?), der gerade die Pedalmechanik wieder in die Reihe gebracht hat, dabei helfen, diese wieder an den Spieltisch anzubauen. Peter Maas, wie der gute Mann mit vollem Namen heißt, erzählt mir, dass er am übernächsten Samstag sein Abschiedskonzert gibt. Wenn ich noch fünf Minuten Zeit hätte, würde er mir was auf der Klais-Orgel vorspielen.

Spanische Trompeten – waagerechte Orgelpfeigen

Vorher warnt er mich aber: Das Prelude von Marcel Dupret, das er gleich spielen werde, übe er schon seit über 40 Jahren. Bisher hat er sich aber noch nie getraut, das vor anderen Menschen zu spielen. Ich fühle mich geehrt und bin begeistert, Zeuge dieser Premiere werden zu dürfen, und noch begeisterter, als ich Peters Hände über die Manuale und die Füße über die frisch gewartete Pedalatur fliegen sehe, zwischendurch wird umgeblättert und registriert und man fragt sich, wie ein Mensch alleine all dies koordinieren kann. Dann ist das Spektakel auch schon wieder vorbei. Der bald in den Ruhestand gehende Organist ist sichtlich zufrieden mit sich, freut sich aber einmal mehr über meinen Applaus.

Soviele Tasten, soviele Knöpfe und Schalter!

Einmal mehr werde ich gefragt, ob ich noch fünf Minuten Zeit hätte. Da er auch Countertenor sei, könne er mir noch ein „Ave Maria“ vorsingen (leider habe ich vergessen, welches). Und das tut er dann auch, wobei er sich selbst an der Orgel begleitet.

Ave Maria

Auf seinen Rat hin verlasse ich aber dazu die Empore und höre mir das Gesangsstück unten aus dem Kirchenraum an, und tatsächlich, der Gesang trägt hier viel mehr! Nun muss ich aber doch langsam von (St.) Peter verabschieden und mache mich wieder auf den Weg – bis Trier habe ich nichtmal die Hälfte geschafft!

Richteiche bei St. Gangolf, rechts unten die Saar

Eigentlich war als nächstes Ziel die Saarschleife angepeilt, dort wollte ich zur Cloef hochfahren und mir das Wahrzeichen des Saarlandes anschauen. Dummerweise ist der Radweg so verwirrend ausgeschildert, dass ich am falschen Ufer lande. Da ich auch keine Lust habe, wieder umzudrehen, mache ich aus der Not eine Tugend, lasse den von mir eh schon oft besuchten Tourihotspot buchstäblich links liegen und fahre über den Berg nach Mettlach. Und auch das war eine sehr gute Entscheidung, denn so komme ich an der Richteiche von St. Gangolf vorbei, ein wahrlich beeindruckender Baum von über tausend Jahren.

Kathedrale oder Höhle?

Noch beeindruckender ist, dass die uralte Eiche innen hohl ist und trotzdem immer noch vor Kraft und Leben strotzt!

Ruine Montfort
An dieser Stelle empfiehlt sich ein Exkurs in die Kulturgesch… oh guck, ein Eichhörnchen!

Wenn ich nun aber schonmal oben „uffem Bersch“ bin, kann ich mir auch grad die Burgruine Montfort angucken, die quasi im innern der Saarschleife steht und von deren erhaltenem Bergfried man eine tolle Rundumsicht auf die Schleife hätte. Konjunktiv, weil nach dreieinhalb Kilometern über teils abenteuerliche Wege steht man vor vorschlossenem Tor. Immerhin finden sich entlang des Wegs mehrere süße, aus Holz geschnitzte Tierstatuen wie das obige Eichhörnchen oder ein Bär.

Nach Mettlach runter muss ich teilweise über die Bundesstraße, was abwärts aber gar nicht schlimm ist und richtig Spaß macht – teilweise mit ordentlich Schräglage in den Kurven, wiiiiiieeeh! Mettlach selbst hat ein Schloss und gegenüber eine prächtige Villa mit Park, und alles dank eines Herstellers von Scheißhaus-Thronen! Okay, Villeroy & Boch stellen auch andere Gegenstände aus Porzellan her.

Kurz hinter Mettlach wird der Saar-Radweg, den ich inzwischen wieder gefunden habe, recht spaßbbefreit: Ein Schild weist darauf hin, dass es ab jetzt „Keine Unterhaltung“ mehr für den Radweg gebe. Alla gut, sing ich halt selbst!

In Saarburg rauscht der Wasserfall, wenn’s nimmer rauscht, is‘ Wasser all!

Saarburg könnte ich eigentlich links liegen lassen, aber langsam hab ich dann doch Doschd und Lust auf ein Kaltgetränk. Neben Saarwein (siehe oben) bietet Saarburg eine nette, kleine Altstadt inkl. Burg sowie einen Wasserfall mitten im Ort! Eigentlich sogar zwei, oben sehen wir den ersten, kleineren der beiden. Fun Fact: Saarwein kommt ausschließlich aus Rheinland-Pfalz. Im Saarland wird zwar auch Wein angebaut, aber nur an dem kurzen Abschnitt der Mosel, wo diese die Grenze zwischen Saarland und Luxemburg bildet.

Miezekatz!

Trier ist nicht mehr weit, und während ich so bei meinem Saarwein in Saarburg an der… Leuk, das Flüsschen mit dem Wasserfall heißt Leuk! Jedenfalls, während ich da so sitze, kommt mir die Idee, ich könnt ja meinen alten Kumpel Thuns anrufen, der seit einigen Jahren in der Nähe von Trier wohnt, ob er Lust hätte, sich mit mir auf ein Kaltgetränk in Augusta Treverorum zu treffen. Lust hätte er tatsächlich und Zeit auch, weil Urlaub, aber leider hat er beim Renovieren schon das ein oder andere Getränk genossen und lädt mich stattdessen in sein neues Zuhause ein. Alla gut, brauch ich mir wenigstens keinen Campingplatz zu suchen.

De Pochta is kään Frittebud!

Nachdem ich mich bei Kanzem am Altsaararm etwas verfahren habe, dabei aber wenigstens der weiter oben abgebildete Katze begegnet bin und aufgrund des Umwegs ein Weingut gefunden habe, wo ich eine Flasche Saarwein käuflich erwerben konnte, gelange ich doch noch nach Trier. Nach kurzer Speisung (Döner) und einem obligatarischen Photo vor dem römischen Stadttor, der Porta Nigra, geht es dann aber doch noch weiter Richtung Kolleech.

Georgsbrunnen am Kornmarkt in Trier – Sensorflecken dürfen behalten werden

Man erinnert sich an „Mosel-Saar-Ruwer“ aus dem ersten Absatz dieses inzwischen viel zu langen Textes? Auf dem Weg zum Kumpel erfahre ich endlich des Rätsels Lösung: Ruwer ist ein kleines Dorf am gleichnamigen Nebenflüsschen der Mosel!

Tageskilometerstand am Ziel

Im Supermarkt in Kasel kaufe ich dann auch noch gleich einige Flaschen Ruwer-Wein, die zum Großteil auch noch am gleichen Abend der Vernichtung anheim fallen… Und damit endet ein viel zu langer Bericht über eine viel zu kurze Tour.

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